Freitag, 7. August 2020

IndividuALTERITÄTen

Bild 1: What´s mine

IndiviDUalität – IndividuALTERITÄT - ICHdividualität

Ein Beitrag von Jenny Schwarze aus dem Seminar Schwellenkunst
Fotos, Spielgelungen, Bilder aus der Zeit im Jahr 1 nach Corona

Kurzkonzept:
Wer bin ich und wer bist du? Wo bist du und wo bin ich?
Wo begegnen wir uns, obwohl wir getrennt sind? Wo sind wir getrennt Eins?

Vorab.
Die Grenzen/Schwellen zwischen mir und dir. Die Grenzen/Schwellen zwischen hier und dort. Das Erfassen von flüchtigen Überschreitungen der persönlichen und räumlichen Schwellen. Vermengung der Schwellen und Grenzen. Fließender Übergang lässt Neues entstehen.

Da flüchtige Spiegelungen schwer zu fassen sind, wurden sie mit Hilfe der Kamera eingefangen. Der Blick für das Detail wird geschärft und genaues Hinsehen wird verlangt: Wo bin ich und wo bist du? Wo begegnen wir uns, obwohl wir uns nicht begegnen?

Was wurde erreicht und was vermittelt sich?

Dieses Semester war aufgrund der Corona-Begebenheiten sehr besonders. Die Seminare verliefen online über Videokonferenzen, öffentliche Chats und E-Mails waren die Hauptvermittlungsquellen von Aufgaben und die gesamten Universitätsgebäude waren geschlossen. Wir Studierenden und auch die Dozenten mussten sich von jetzt auf gleich umstellen und anstatt mit seinen Freunden und neuen Bekannten gemeinsam, nebeneinander zu sitzen und der Vorlesung (mehr oder weniger) zu folgen, saß man alleine, mit sich selbst vor einem Bildschirm.

So wurde in dem Seminar zu der Schwellenkunst an der Universität Osnabrück am Anfang das Thema Corona aufgegriffen. Wo liegen Grenzen im öffentlichen und privaten Raum? Wo gibt es Überschneidungen und Parallelen? Durch die Aufgaben über das Semester hinweg, habe ich mich intensiver mit der Schwelle des eigenen Ichs, der Grenze zu dem Du und die potenzielle Vermischung der Individuen und dem Wir beschäftigt; Angeregt durch die Aufgabe der Spiegel- und Fensterscheibenportraits. Ausgehend von dem Gedanken, dass wir in diesen Zeiten oftmals alleine vor unseren Computern in unsren abgegrenzten, von Wänden/Schwellen

Dies ist auch bei Schülerinnen und Schülern gut anwendbar. Es fördert die Selbstrefelxion, das gegenseitige bewusste Wahrnehmen und Begegnen an unterschiedlichen Orten.
umgebenen Zimmern, sitzen, in unserem normalen Alltag aber jeden Tag mit andere Menschen in Kontakt treten. Flüchtige Bewegungen, Begegnungen und Berührungen, die wir nicht einmal bewusst wahrnehmen, wurden aus unserem Alltag gestrichen. Und dennoch sind diese Überschreitungen der persönlichen und räumlichen Grenzen ein fundamentaler Bestandteil unseres sozialen Lebens und lassen für einen kurzen Moment oder manchmal für einen längeren Zeitraum etwas Neues entstehen. Social-Distancing bekommt in den Bildern eine neue Bedeutung zugeschrieben: Wer bin ich und wer bist du? Wo bist du und wo bin ich? Wo begegnen wir uns, obwohl wir getrennt sind? Wo sind wir getrennt Eins?

Folglich werden Schwellen und Grenzen zwischen dem Du, dem Ich und dem Wir aufgegriffen und die Möglichkeiten der Verschmelzung, Abgrenzung und der Parallelen ausgetestet. Vielleicht nur in einem flüchtigen Moment, vielleicht aber auch für eine längere Zeit oder gar für immer. Das heißt, es wird ein Überschreiten von mindestens zwei Grenzen ermöglicht: Die Grenze/Schwelle zwischen Personen (du, ich, wir) und zwischen Orten/Räumen (hier und dort; Trennung durch Scheibe etc.).
(In Corona-Zeiten nochmal spannend aufgrund der Frage nach Sicherheitsabstand oder der Personenanzahl, die sich treffen dürfen).

Bei dem Erstellen der Bilder hat man sich immer ein bisschen bewegt, bis sich Körperteile in Position befinden, dabei ist die Kommunikation manchmal durch die Scheibe hindurch und gedämpft und teilweise unverständlich Die Scheibe ist demnach eine physische Grenze/Schwelle und eine akustische Hürde und dennoch kann die andere Person visuell wahrgenommen werden. Wenn eine Position gefunden wird, in der beide Personen die Schwelle überwinden, muss in dieser verharrt werden. Man ist in gewisser Weise gezwungen den anderen anzusehen, wobei man auch auf sich selber achten muss Zum Teil hat man das Gefühl fremde Glieder (z.B. das Bein) sind die eigenen. Dadurch, dass der Fokus auf diese Details gelegt wird, sieht man sich nie als eigene Person, sondern immer in Verbindung mit dem Anderen.

Die eigene ICHvidualität geht in der IndiviDUalität über und löst sich auf.

Bild 2: Crossing the borders?

Solche Momente nehmen wir in unserem Alltag nicht bewusst wahr. Wir gehen an Schaufenstern in der Innenstadt vorbei und in der Scheibe trifft mein Spiegelbild flüchtig auf das eines Fremden. Sie Überlagern sich, verschmelzen sogar für einen Moment, und dann ist alles wieder vorbei. In Zeiten von Corona sind solche Begegnungen vielleicht die einzigen, die ein Mensch in seinem Alltag hat, denn die Regel lautet weiterhin: Abstand halten.
Doch auch indirekte Begegnungen, sogar Spieglungen sind möglich. Treffen sich die Spiegelungen nicht in einer Scheibe, Spiegel oder ähnlichem, so sind unsere Körper selbst die
Spiegel der Anderen, wenn auch oftmals unbewusst. Auch über andere Grenzen und Schwellen hinweg können wir auf andere treffen.

Bild 3: Stay in contact

Diese Schwellen zwischen der Begegnung, der Verschmelzung und dem Abstand habe ich nun versucht in Bildern festzuhalten. Dabei bin ich sowohl auf die Möglichkeit der Reflexion/Spiegelung in Scheiben gestoßen, aber auch auf Schatten und Licht oder unsere Körper selbst. In manchen Umsetzungen befanden wir uns physisch voneinander getrennt, wurden aber durch die Spiegelung eins (Vgl. Bild 2,3). Das, was vorher eindeutig zu meinem Körper gehört hat, ist nun Teil eines anderen und umgekehrt (Vgl. Bild 1). Es ist nicht mehr klar ersichtlich, wo die Grenzen und Schwellen zwischen dem Ich und dem Du sind: Sie wurden in einem flüchtigen Augenblick festgehalten und bilden so in einem Foto etwas Neues. So wurde auch die Grenze des Augenblicks überschritten und die Körper sind auf dem Bild für die Ewigkeit eins, während sie im Leben weiterhin getrennte Wege gehen.

Auch habe ich versucht nicht nur die körperlichen, sondern auch weitere Grenzen miteinfließen zu lassen (Vgl. Bild 1, 4). So bildet der Fensterrahmen in dem ersten Bild auch eine Grenze, die die Gesichter der Personen verdeckt. Die Schwelle der eigenen Persönlichkeit wird
überschritten und die Identifizierbarkeit des Betrachters wird angeregt. So wird auch hier eine weitere Schwelle überwunden und die dritte Person, die den flüchtigen, festgehaltenen Augenblick betrachtet, wird integriert: Wer bin ich und wer bist du? Wo bin ich und wo bist du?

 

Bild 4: Can’t touch this                                    

Eine solche physisch tastbare und visuell erfassbare Grenze wird auch in dem vierten Bild ersichtlich. Hier habe ich allerdings mit der Spiegelung des menschlichen Körpers gespielt: Die beiden Finger, die eine Grenze umfassen wollen, es ihnen aber aufgrund der Beschaffenheit des Glases nicht gelingt, stehen sich so gegenüber, dass es aussieht, als würden sie sich spiegeln. 

Bild 5: Whish you were here

Sie versuchen eine Grenze zu überschreiten, indem sie diese Grenze umklammern wollen, überschreiten aber dabei die Grenze zwischen dem Ich und dem Du, und wo man sich befindet.
 

Bild 6: Borders between us


Das Überschreiten der Grenzen zwischen Du und Ich (auch, und besonders in Zeiten von Corona) wird in den Titeln der Bilder aufgegriffen. Sie alle stehen in Verbindung mit der eigenen und der fremden Identität, greifen aber darüber hinaus auch den physischen Abstand auf. Die Titelvergabe auf Englisch ist einerseits eine Anspielung auf die Internationalität und das weltweite Corona-Geschehen und die hiermit einhergehenden Grenzen. Andererseits spielt sie auch auf den „feed“ an, der uns täglich (und unter Corona-Bedingungen noch präsenter) in den „social media“ begegnet und dabei helfen soll, die durch Social-Distancing gezogenen Grenzen zu überwinden.

Der Titel „IndiviDUalität – IndividuALTERITÄT – ICHdividualität“ überwindet innerwortliche Grenzen und lässt die innerpersönlichen Grenzen verschwimmen.

Jenny Schwarze
Reflexionen im Seminar SCHWELLENKUNST
Eine Projekt des Satellit-Kunstverein und der experimentellen Kunstvermittlung
im Fach Kunst an der Universität Osnabrück

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