Mittwoch, 11. Juli 2012

Postanaloge Netzwerke



"Netzwerk" ist eine Videoproduktion und Performance von Fiete Jonas Keil, Julia Oheim, Anni Seidlitz und Anina-Carolin Meyer. Sie wurde mittels Wolle, Geduld und einer überzeugenden Standfestigkeit von Anina-Carolin Meyer in der Osnabrücker Innenstadt im Kontext eines Seminars zur didaktischen Forschung realisiert.
Irgendwo zwischen Engel, Flügeln, Spinnennetzen, Christusgestik, Verfängnis sowie weisser wolliger Vernetzung liegt das weite Interpretationsspektrum dieser Gemeinschaftsarbeit.

In einem performativen Prozess wurde eine zunächst frei im öffentlichen Raum stehende Frau zwischen zwei Bäumen mit weisser Wolle eingewebt. Ihre Mobilität wurde mit jedem Faden weiter eingeschränkt und es entstand dabei eine im Netz gefangene Figur, die sich aus eigener Kraft nicht hätte befreien können. Zunächst bildeten sich zwei netzartige Flügel um ihre ausgebreiteten Arme. Mit ihrem vollen Gewicht konnte sich die performative Figur in die Wolle einhängen, mit der Gefahr, dass sich der Faden in Kleidung und Fleisch einfurchen kann. Mit der progressiven Vernetzung änderte sich die luftige Leichtigkeit der Performance zu einem kritischen Bild eines hochanalogen Netzwerkes - Passantenäußerungen begleiten den performativen Prozess und wandeln sich vom vergnügten Komentar bis zur frei assoziierten Gesellschaftskritik. "Lustig ist das", "tolle Idee" bis zu "Das ist unser System" - "So fühle ich mich jeden Tag". "Das ist die Demokratie."



Ein weiteres aktuelles Netzwerk im Rahmen eines Seminars für Künstlerische Interventionen in den öffentlichen Raum produzierte Carina O. in Kassel im Sozialen Kontext der dOCUMENTA (13). Sie nutzte das Treiben des aktuellen Festivals für die Gegenwartskunst als einen analogen Kontaktladen. Als ihr eigenes Facebookprofil kleidete sich die Studentin der Universität Kassel ein und inszenierte an den Warteschlagen vor dem Fredericianum eine analoge Pinnwand, auf der man sich mittels Nadeln ansticken und pieksen konnte. Ein echtes Gäste- und Freundschaftsbuch baumelte neben Fotoalben an ihrem Körper, dort sammelten sich permanent neue Kommentare und es begann sich rege zu füllen. An ihrem Oberarm war ein echtes Anstupsfeld markiert und ihre begleitende Assistentin übernahm die notwendige Fotografie um eine Kontaktfläche für die neue Freundschaft und die Abbildung von echter gelebter Individualiät zu ermöglichdokumentieren.
Die unreflektierte Leichtigkeit einer sich selbst veröffentlichen Facebookgeneration fand mit dem Analogen Profil von Carina O. ein realkommunikatives Pendant in der wirklichen Wirklichkeit. Nach Abschluss der Performance finden sich wenige Stunden und ein paar Minuten viele neue Freundschaftsanfragen auf ihre "echten" Facebookprofil in der anderen und hochwirklichen digitalen Welt wieder. Die Bereitschaft zur Preisgabe von Daten setzte sich nach dem typischen Verhalten im "postanalogen Zeitalters" kommunikatv fort. Als eine Erinnerung an das echte Leben draussen - ausserhalb des totalen Netzwerkes.

Soweit der aktuelle Stand zu neuen Netzen in einer Zeit da der inflationäre Gebrauch und die Verwendung des strategischen Zauberwortes der VERNETZUNG ein Maß erreicht hat, das man es nicht mehr hören kann. Sehen allerdings schon.

Ruppe Koselleck

Experimentelle Kunstvermittlung ist der künstlerische Versuch einer produktiven Vermittlungsarbeit von Gegenwartskunst. Rezeptions- und Produktionsebenen werden hier experimentell aufgebrochen und verschoben. Besondere Seminararbeiten der Universitäten Osnabrück und Kassel werden unter diesem Label publiziert. 

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